Das Kyoto-Protokoll

Die Zufahrt mit dem Shinkansen von Tokio nach Kyoto war der Hammer: super schnell, sehr leise und so pünktlich wie ein Uhrwerk. Nebenbei sahen wir den berühmten Mount Fuji an unserem Fenster vorbeiziehen. Nach nicht ganz drei Stunden waren wir auch schon im entfernen Kyoto angekommen, wo wir uns dann zu unserer ersten Airbnb-Wohnung aufmachten. Besser hätten wir es nicht treffen können. Die Wohnung ist sehr zentral gelegen und bietet mit einem eigenen Bad und Küche mehr als unser letztes Hotel.

Bei jeder großen Reise gibt es natürlich auch Abnutzungserscheinungen bei der Ausrüstung. Als eines der ersten Dinge fiel leider das Wlan von Jens’ Handy aus, was es unbrauchbar für den alltäglichen Gebrauch macht. Aber zum Glück sind alle Bilder und Daten in der Cloud und das alte Handy funktioniert auch noch immer. Außerdem bietet Kyoto zu viel, um sich darüber zu ärgern.

Am ersten Tagen waren wir in Nijo, einer großen Burganlage und dem ehemaligen Sitz des Shoguns in Kyoto, das vor Tokio Hauptstadt Japans war. Mithilfe des Audioguides konnten wir viel über die Geschichte des Landes erfahren. Auch wenn die Dinge hier irgendwie etwas ruhiger und gediegener als in vergleichbaren Bauten des pompösen Europas im 17. Jahrhunderts erscheinen, ist alles durchdacht und mit System. Beeindruckend waren insbesondere die Dielen des Burgpalastes, unter denen klingende Glocken installiert sind, sogenannte Nachtigall-Böden, die jeden Schritt im Palast hörbar machen – was den Gang bei zwei Touri-Gruppen und einigen einzelnen wie uns zu einem spannenden Klangerlebnis werden lässt. Barfuß versteht sich. Schönster Sonnenschein in den Gärten der Anlage machte den Burgbesuch zu einem tollen Erlebnis.

Zu Mittag ließen wir uns vom Nishiki Food Market inspirieren. Nicht anstrengend, einfach schön und an jeder Ecke neue unbekannte Köstlichkeiten, die da warten. Was wir dann genau aßen, wissen wir auch nicht – ein frittiertes etwas aus Mehl, Fisch und weiteren Zutaten … auf jeden Fall lecker! Zum Nachtisch gab es Taiyaki. Kennt man ja!

Später ging es durch das riesige Shopping-Areal der Stadt, die immerhin so groß wie Hamburg ist, nach Gion, DEM Geisha-Viertel des Landes. Hier werden junge Mädchen zu Künstlerinnen ausgebildet. Uns fällt auf: überall Frauen in Kimonos. Etwas argwöhnig dabei ist, dass sie mit Selfie-Sticks Bilder von sich machen und sich wie Touristen benehmen. Eine kurze Google-Suche ergibt: Es handelt sich tatsächlich um Touristen, die in Kyoto im Kimono durch die Straßen spazieren. Macht das Stadtbild für uns auf jeden Fall rund.

Was wäre Kyoto, ohne einen Shinto-Schrein besucht zu haben? Dies haben wir uns auch gedacht und sind am nächsten Tag zu einem der schönsten weit und breit gefahren: dem Fushimi-Inari Taisha Schrein. TripAdvisor warnte uns schon vor den ganzen Touristenmassen und wir wurden auch nicht enttäuscht: Menschen über Menschen. Alle zwängten sich auf diese kleinen Wege zum Berggipfel, die den Schrein so besonders machen, denn man schreitet dabei durch tausende Tore. Und wir waren mittendrin. Nach einem anfänglichen Gefühl von Beklemmnis und Wut der anderen Gäste gegenüber überkam uns nach einiger Zeit eine gewisse Besinnlichkeit. Wir waren wohl damit nicht die einzigen. Wenn jemand vor einem ein Foto machen wollte, blieben alle hinter einem artig stehen und warteten. Dementsprechend gemächlich ging es dann bergauf. Auch die anfängliche Enttäuschung dem Schrein gegenüber – da geht man halt durch ein paar Tore – wich immer mehr der Begeisterung. Die Torbögen hörten nämlich nicht auf, auch nach mehreren hundert, wenn nicht tausend Metern. Eine gewisse Kondition ist beim Aufstieg nötig, aber man wird auch von einem grandiosen Ausblick belohnt. Der Abstieg ging dann erstaunlich schnell.

Nachmittags waren wir im Kaiserpalast, der bis zur Meiji-Restauration im 19. Jahrhundert Residenz des Kaisers war, bis diese nach Tokio wechselte. Wir stellten uns schon auf ein ähnliches Prozedere ein wie in Tokio, aber man hat uns einfach durchgewunken. Auch hier empfing uns wieder diese gewisse Ruhe, kein pompöses Getue. Fazit: Kyoto macht unser Bild von Japan noch etwas runder. Wir freuen uns auf mehr!

Eure Lisa und Euer Jens

3 Antworten auf „Das Kyoto-Protokoll“

  1. Dieses Kyoto- Protokoll gefällt mir viel besser als das aus dem Jahr 1997;o)). Wieder ausdruckstarke Bilder und ein sehr lesenswerter Text. Habt weiterhin viel Spass und Freude.

  2. Eure Berichte und Fotos sind einfach nur super und sehr anschaulich. Ich freue mich, dass ich Eure Reise mit erleben darf. Viel Spaß und danke.

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